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Tote Tiere                                                                                    


Erhard Scherpf zeigte in seinen Einzel- und Gruppenausstellungen
der letzten zwei Jahrzehnte überlebensgroße Bilder von Körpern,
die sich radikal dem herrschenden Diktat des ausdruckslosen, immer
gleichen Schönheitsideals verweigerten.
Körperbilder von nackten Menschen, die durch Krankheit oder gewaltsame
Einwirkung von aussen gezeichnet waren, die alt waren oder nach einer
neuen Identität, nach einem neuen Körperbild mittels Tattoos und Piercings
suchten.

Die aktuelle Serie von Bildern von Tierkörpern nähert sich stärker als jede
andere bisherige Arbeit dem unausweichlichen Ende des Lebens und versucht
dem Tod so nahe wie möglich zu kommen.
Die Aufnahmen der auf natürlichem Weg mumifizierten Tierkörper vermeiden
alles beschönigende wie wir es von Tierpräparaten oder einbalsamierten
menschlichen Körpern kennen. Sie verleugnen nicht den Tod und die Zeichen
des Verfalls und der Vergänglichkeit.

Einige der fotografierten Tiermumien sind Funde, die bei der Sanierung alter
Gebäude entdeckt wurden.
In der Regel entsteht diese natürliche Mumifizierung durch Austrocknung an einem
wettergeschützten trockenen Ort. Die ausgetrockneten Tiere fanden sich in
Scheunen und Schuppen, Kellern und auf Dachböden.
Zu vermuten ist, dass sich die Tiere dorthin zum Sterben verkrochen.





Katzenmumienfunde unter der Türschwelle der Eingangstür zum Wohnhaus,
im Zwischenboden oder in der Nähe des Kamins lassen vermuten,
dass es sich um sogenannte Bauopfer handelt.
Dokumentiert sind Funde in Häusern aus dem 15. Jahrhundert bis zu Bauten
aus dem Jahr 1910.

Bevor die Hausbesitzer die Tiere im Boden einschlossen, töteten sie sie.
Da es für den Mumifizierungsprozess wichtig ist, dass die Haut intakt bleibt,
wurden die Tiere vermutlich ertränkt oder ihnen wurde das Genick gebrochen.
Hinter dem sogenannten Bauopfer steckte der Aberglaube, jeder Neubau
fordere ein Opfer, um dämonische Mächte oder Gott zu besänftigen
und um dem Teufel den Zutritt zum Haus zu verwehren.

Im Mittelalter glaubte man auch, Katzen könnten sich in Hexen verwandeln -
und umgekehrt. Eine tote Katze im eigenen Haus zu vergraben sollte also
eine Warnung für Hexen sein.
Was auch erklären könnte, warum in einigen Kirchen Katzenmumien
gefunden wurden.
Das Vertrauen in den allmächtigen Gott reichte hier scheinbar nicht sehr weit -
Hexenabwehr betrieb man mit Mumien.

Im alten Ägypten hat man nicht nur Menschen in Mumien verwandelt.
Auch Tiere wurden zu Hunderttausenden konserviert - darunter Katzen,
Hunde, Mäuse, Käfer, Vögel und sogar Gazellen und Krokodile.






Tiermumien standen für Gottheiten und beherbergten im Glauben
der Ägypter einen Teil der göttlichen Seele. Um diese Seele auf der
Erde zu halten, musste sie einen Körper haben.
Mit der Einbalsamierung wurde dieser Körper deshalb möglichst
vollständig und äusserlich wiedererkennbar erhalten.

Natürliche Mumifizierung entsteht wie gesagt durch Austrocknung.
Körpereigene Prozesse nach dem Tod führen zu unterschiedlichen
Stadien der Verwesung. Insekten treiben den Prozess weiter voran.
Körperhaltung und Ausdruck der Mumien bei natürlich zu Tode
gekommen Tieren sind jedoch unverändert.

Natürlich versuchen auch diese Fotos den Tod an sich ins Bild zu setzen.
Doch dieser entzieht sich einer fotografischen Erfassung und treibt
das Medium Fotografie und unser Sehen und unser Erkenntnisvermögen
an ihre Grenzen.

Die Aufnahmen zeigen etwas, was tot ist.
Das Besondere aber ist, sie bilden sozusagen auch den letzten Bruchteil
einer Sekunde eines Tierlebens ab, den letzten Moment, den letzten
Wimpern-schlag im zeitlichen Übergang vom Leben zum Tod, dem vielleicht
ein länger dauernden Sterbeprozess voranging.

Dieser Exhibitionsmus des radikal "Wahren" verbreitet Unbehagen.


Fotos und Text Copyright © Erhard Scherpf