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BEWEGUNGSSTUDIEN

KÖRPERBILDER
     Exposé
     
Polytrauma 1
     Polytrauma 2
     
The big > C <
     Unbehagen
     
Tattoo 5.0 + 5.1
     Alter
   Haut
     Nackt ./. Akt
     Freier Fall
     Sterben kommt
     Körper - Bilder 5.2.



DROMOVISIONEN


Körperbilder 7 -
HAUT - Selbstbewußtsein - Identität

Haut an sich ist erste Voraussetzung für die Ausbildung
einer eigenen Identität.

A priori, vor allen anderen gesellschaftlichen und kulturellen
Mechanismen ist es die eigene Haut, die der Mensch als eigene,
zu sich gehörende, erkennen und in der er sich wohlfühlen muss.
Durch die Haut lernt der Säugling, wo er ´beginnt´und ´endet´, wo
seine Selbstgrenzen sind. Es ist der Ort, an dem die Welt begint
und zugleich das Selbst endet.
Die erste Ich-Vorstellung ist die vom Körper gewonnene, die
Vorstellung vom Körper-Ich oder auch Haut-Ich genannt. Unter diesem
Haut-Ich versteht der Psychoanalytiker Dider Anzieu eine psychische
Hülle, ein ´Bild´, mit dessen Hilfe sich das ICH des Kindes -
ausgehend von der Erfahrung der Körperoberfläche - eine Vorstellung
von sich selbst entwickelt als ICH, das die psychischen Inhalte enthält.
In einer wünschenswerten Entwicklung vom Säugling zum Kleinkind
beginnt sich die Person des Babys mit dem Körper und den
Körperfunktionen zu verknüpfen.
Es entsteht eine Gesamtvorstellung von ICH, in der Körper-Selbst und
psychisches Selbst getrennt und doch verbunden sind. Durch diese
Integration wird der Körper zu einem unauffälligen Begleiter, den das
Ich bewohnt, und dessen Existenz als kontinuierlich, stabil und
beständig erlebt wird. Der Begriff ´Personalisation`beschreibt diesen
Prozess treffend.
Ein Ich zu sein heißt, sich einzigartig zu fühlen.
Ist es in dieser natürlichen Entwicklung zu Störungen gekommen, fühlt
der Mensch sich nicht wohl in seiner Haut. Er braucht die permanente
Rückversicherung über die Existenz und Verfügbarkeit eines eigenen
Körpers. Häufig geschieht dies bei jungen Leuten, aber auch bis ins
Erwachsenenalter hinein, durch Ritzen der Haut oder andere
destruktive Verhaltensmuster, bei denen das Selbst den eigenen
Körper zum Objekt seiner Aggression macht.





Ernsthaftere Formen sind ausgeprägter Hang zu Masochismus oder
auch Narzissmus – beides hat den gleichen Ursprung.
Hier sind (teilweise zumindest) auch die Triebkräfte für Tattoos,
Piercing, Branding, Bodybilding, Schönheitschirurgie etc. anzusiedeln.
Die Identitätsunsicherheit soll dadurchn beseitigt werden, dass
bestimmte Eigenschaften des Körpers und seiner Attribute so
gestaltet und verändert werden, dass sie in Ordnung, ideal und korrekt
sind - mit der Vorstellung, auch das Selbstwertgefühl sei dann in
Ordnung.

Wer sich in seiner Haut nicht wohl fühlt, sich seiner Haut nicht
erwehren kann, wird trotzdem alles unternehmen, um aus der Haut zu
fahren. So gesehen also mit Haut und Haaren verloren, scheitert der
Versuch die eigene Haut mit Tattoo oder Branding etc. zu retten
zwangsläufig. Wie bei einer Sucht fordert ein Tattoo zwangsläufig
schon das Nächste, aber es führt nicht in einer quasi spiralförmigen
Entwicklung zu einer neuen Identität. Die `Depersonalisierung, also der
Verlust der festen Verbindung zwischen ICH und Körper wird nicht
aufgehoben.
In der Sprache ist die Nähe von Haut - Selbstbewusstsein - Identität
noch immer bewahrt.
Haut steht in diesem Zusammenhang repräsentativ für das Ganze der
Person, für den Leib, für Leben, für das physische und psychische
Selbst des Menschen.

Die gesellschaftlichen, kulturellen Mechanismen zur Bildung einer
Identität sind historische Produkte und unterliegen kontinuierlichen
Wandlungen und Deutungen.
Der Haut kommt dabei eine immense Bedeutung zu, sowohl als
´symbolische Form´, als Leinwand für kulturelle Prozesse insgesamt
als auch für die Individuation und Ich-Werdung des Menschen im
speziellen.





Galt noch im vorigen Jahrhundert in unserem Kulturkreis eine blasse
Hautfarbe als edel und adelig, deuten wir diese heute tendenziell eher
als krank oder unsportlich. Andere Aspekte, die mit spezifischen
Kodierungen belegt wurden und werden sind so verschiedene
Phänomene wie Tätowierungen, Schminke, Narben, Falten, Erröten,
Pigmentstörungen, Leberflecke, Muttermale oder dermatologische
Erkrankungen.

Haut, die Haut des Gegenüber, wird permanent gedeutet und
interpretiert. Im menschlichen Kontakt ist man unweigerlich auf sie
angewiesen. Sie ist jener manifeste Ort des anderen, der dem Blick
und der Berührung zugänglich ist, und wird nur all zu schnell
verstanden und missverstanden als Ausdruck des Seelischen, des
inneren Charakters. Für Aussenstehende wird über die Haut unser
Gesundheitszustand und unsere Seelenlage widergespiegelt. Diese
averbalen, spontanen Botschaften wiederum werden bewusst mit
Kosmetika, Bräunung, Schminke und Schönheitschirurgie
unterstrichen oder ins Gegenteil verkehrt. Nur wenige Organe erhalten
so viel Pflege und Interesse von einer so großen Gruppe von
Spezialisten: beginnend bei Kosmetikerinnen, Werbefachleuten, bis
hin zu Kriminalisten.
Über die Haut werden je nach Alter, Geschlecht, Kulturzugehörigkeit
und persönlicher Geschichte körperliche Charakteristika vermittelt, die
wie die Kleidung als zweiter Haut der Identifizierung der Person dienen
(oder sie erschweren.)
Dazu gehören: Pigmentierung, Falten, Runzeln, Furchen,
Verteilungsmuster der Poren, Körperbehaarung, Nägel, Narben, Pickel,
Muttermale, die Struktur der Haut, der Fingerabdruck, ihr Geruch, ihre
Zartheit oder Rauheit.






Ist der Mensch auf "gesunde" Art in seiner frühkindlichen Entwicklung verkörpert worden, erlebt er seinen Körper als etwas Selbstverständliches, das immer funktioniert, präsent ist, wenn man es braucht. Der Körper erlaubt uns unseren Job zu machen, sportlichen Aktivitäten nachzugehen, anderen körperlich zu begegnen und zu lieben und geliebt werden.

Was aber, wenn dieser Körper.durch Krankheit oder Alter bedingt nicht mehr so funktioniert wie wir es kennen?

Die Diagnose Krebs, Alzheimer, Parkinson etc. kippt alle gesellschaftlichen, konstruierten, aufgesetzten Identitäten über Bord und reduziert den Menschen auf das nackte Sein – und dieses erlebt eine massive Störung.
Im Falle einer solchen Diagnose zerbricht die Identität von Selbst und Körper, also die Übereinstimmung von Körperbild (der Vorstellung von mir) und Bild des Körpers (in seiner äusseren Erscheinung als erkrankter Körper).
Der Körper wird zum Feind, er droht durch Wucherung oder Zersetzung seiner selbst unserer Existenz ein Ende zu setzen. Die Zerstörung der Identität kommt von innen heraus.

Äussere Gewalt, z.Bsp. durch Misshandlung, Zwangsprostitution, Folter oder durch einen Unfall bedingte Verletzung und Zerstörung, zerstört ebenfalls Selbstbewusstsein und Identität.
Folter wird genau deswegen eingesetzt. Eine der bis heute gebräuchlichen, besonders perfiden Methoden ist das Schinden, Enthäuten, dem Opfer bei lebendigem Leibe die Haut abzuziehen. ... Und wer durch Zwangsprostitution seine Haut zu Markte tragen muss, erlebt hautnah die gewaltsame Zerstörung des eigenen Selbst.

Haut hat Konjunktur:

Nie wurde in der europäischen Kultur so viel Geld für Tätowierungen, Piercing, Haut- Lifting, Fettabsaugung, Sonnenstudios und Anti-Faltencremes ausgegeben wie heute.
Nie gab es aber auch so oft Hautkrebs, Neurodermitis, Schuppenflechte oder Gürtelrose als Krankheiten, die sich sichtbar auf der Körperoberfläche manifestieren.

In dem Mass, wie die Lebenserwartung steigt, werden die Spuren des Alterns getilgt.
Junge und makellose Körper stellen den Inbegriff des gesellschaftlichen Schönheitsideals dar. Das Alter wird weitgehend verleugnet und als körperlicher "Defekt" angesehen, der sich durch plastische Chirurgie jederzeit korrigieren lässt.


Die gesellschaftlichen Strategien zur Vermeidung von Normverletzungen durch Hässlichkeit, Deformation und Unzulänglichkeit sind hochentwickelt. Der Exhibitionismus des radikal „Wahren“ verbreitet Unbehagen, weil wir Verfall, Vergänglichkeit und Sterblichkeit bewusst ignorieren, verdrängen oder per Bildbearbeitung retouchieren.
Die auf der Haut hinterlassenen, in sie eingefressenen Spuren zeigen die körperliche Anfälligkeit und Veränderbarkeit. Die faltige und von Pigmentflecken überzogenen Haut und das welkende Fleisch beschreiben den Körper unweigerlich als alt und damit vergänglich. Nicht zuletzt begrenzt der Körper - zumindest in zeitlicher Dimension - das eigene Sein.

Die indexikalische Qualität der Fotografie, die mit der Digitalisierung und den einhergehenden Möglichkeiten der Bildbearbeitung zusehends ins Nicht-mehr Existente gerät, wird hier deutlich vorgeführt. Nur dieses Medium kann die Haut mit einer derartigen Schärfe und Präzision wiedergeben.

Text + Fotos: (C) erhard scherpf, 2015
Copyright © Erhard Scherpf